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In Polen beginnt Europa

In Polen beginnt Europa
Data publikacji: 2018-02-22 12:57
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Es war am 1. September 1980 um 12 Uhr, als ich in einer Warschauer Boutique meiner Freundin beim Anprobieren von schöner Kleidung zusah, die es in der DDR nicht gab. Sowohl in der Volksrepublik Polen als auch im unmittelbar westlichen sozialistischen „Bruderland” herrschte eine extreme Mangelwirtschaft, wenn auch in unterschiedlicher Art und Weise. Plötzlich ertönte eine Sirene, die Menschen in der Boutique verharrten und der Verkehr in der Hauptstadt stand für mindestens eine Minute still. Ich wunderte mich. Mir fiel ein, dass dieses Gedenken dem Überfall der Deutschen auf Polen 41 Jahre zuvor galt. Ich fühlte mich als Deutscher, der in Rostock, DDR, lebte, nicht wohl und erzählte am Abend unseren Gastgebern von meinem Schamgefühl. Wir genossen die Gastfreundschaft meines Freundes Jerzy Menel und seiner Familie. Es war ohne jede Initiative von staatlicher Seite eine lebendige polnisch-deutsche Beziehung unter uns Jugendlichen. Jureks Vater, der als Diplomat auch im Ausland tätig war, erklärte uns, dass wir Nachkriegsgeborene sind und keine Schuld tragen. Doch dann hob er seine Stimme: „Ihr seid jung. Die Aufgabe eurer Generation ist, nie wieder einen solchen Krieg geschehen zu lassen!”

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Heute weiß ich, dass Erich Honecker 1981 gern Panzer nach Polen geschickt hätte, doch Moskau hat anders gehandelt. Für das Jahrzehnt wurden die Grenze zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen geschlossen, antipolnische Ressentiments geschürt und unsere Freundschaft der Stasi gemeldet. 1985 erhielt ich den Auftrag, mit weiteren Fotografen für Gdynia eine Fotoausstellung zusammenzustellen, die die Vorzüge des Sozialismus in der DDR darstellt: „Streikt nicht, sondern arbeitet für den Sozialismus. Dann geht es euch gut!” Die ehrlichen Bilder lösten einen heftigen Streit mit den SED-Genossen aus und die beteiligten Fotografen zogen ihre Exponate unmittelbar vor dem Termin zurück. Mir wurde als Verantwortlicher schwerer politischer Schaden vorgeworfen. Doch ich stand auf der Seite meiner Freunde, und sie standen auf meiner.

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Die Stasi ermittelte mehrere Jahre gegen mich. Der Nachweis einer staatsfeindlichen Tätigkeit ist ihr nicht gelungen, doch mein Leben war gefährlich bedroht. Unsere polnischen Freunde konnten wir 1986 unter abenteuerlichen Bedingungen noch einmal besuchen. Einige saßen auf gepackten Koffern nach England. Im Jahr 1989 begannen in Polen sowie im Osten Deutschlands und den weiteren Staaten Osteuropas extreme Umwälzungen. Als ich nach vielen Jahren der Transformation endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte und eine Reise nach Polen plante, las ich die Todesanzeige von Jerzy Menel im Internet. Er war als Übersetzer von Liedtexten und Theaterstücken sowie als Komponist und Texter in einer schwierigen Zeit Polens berühmt geworden, wobei ich meinen langen Weg von Ost nach West hauptsächlich mit der künstlerischen Fotografie verfolgt habe.

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Im Jahr 2005 reiste ich mit meiner Ehefrau, die aus dem Westen stammt, die Ostseeküste entlang über Stettin, Danzig, Toruń und die Marienburg bis nach Masuren. Ich erlebte unmittelbar nach dem Beitritt Polens in die Europäische Union eine lebendige Aufbruchsstimmung. Im Vergleich zu Ostdeutschland fühlte ich mich etwa um 10 Jahre zurückversetzt. Auf der einen Seite war wirtschaftlicher Erfolg bereits deutlich zu erkennen, auf der anderen erlebte ich bittere Armut. In den Masuren mieteten wir uns bei einem herzlichen Gastgeber für einen traumhaften Preis eine wunderschöne Ferienwohnung ein und wussten, dass dieses nur in Polen möglich war Aufgrund der eigenen Erfahrungen mit der Transformation konnte ich gut nachempfinden, was in Polen derzeit geschah und immer noch geschieht.

Ein Schlüsselerlebnis hatte ich auf der Marienburg. Eine junge polnische Historikerin sprach voller Begeisterung von der Geschichte Polens, vom Deutschen Orden, von der Schlacht bei Tannenberg 1410, doch ich verstand die Geschichte nicht. In der Rostocker Universitätsbibliothek suchte ich nach Antworten, denn in der DDR wurde dieses Thema nicht behandelt, in der Bundesrepublik wohl auch nicht. In einem schmalen Taschenbuch vom Historiker Rolf Hammel-Kiesow fand ich die Antwort. Aus unserer Zusammenarbeit entstanden das opulente Buch „Die Hanse” unter Einbeziehung Polens und später das Europäische Hansemuseum, 2015 in Lübeck eröffnet. Ich denke, dort liegen nicht nur einige Wurzeln der modernen deutsch-polnischen Geschichte, sondern auch die der heutigen Europäischen Union.

Besucher aus Polen kommen selten dorthin. Die Gründe kenne ich nicht. Tatsache ist wohl, dass Menschen aus Polen wenig an den kulturellen Ereignissen im westlichen Teil Deutschlands und Europas teilhaben. Polen möchte aber aufgrund seiner bedeutenden Bevölkerungszahl in der EU die ihm zustehende Rolle spielen, was ich sehr begrüße. Doch die jetzige Regierung, von einer knappen Mehrheit gewählt, versucht dieses in einer Art, die schwer zu verstehen ist. Welche medialen Brücken gibt es, um „über die grenzen” kommunizieren zu können?

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Die östlichen Randgebiete Deutschlands an der Oder und Neiße sind wirtschaftlich schwach entwickelt, ebenso die ehemaligen Zonenrandgebiete Westdeutschlands nahe der damaligen Grenze zur DDR. Dort geht überall die Bevölkerungszahl zurück. Auf den Autobahnen sehe ich viele Fahrzeuge aus Polen. Sie haben die Ballungsgebiete zum Ziel. Dort haben die Menschen entweder eine gute Arbeit gefunden, befinden sich in der Ausbildung oder üben Tätigkeiten aus, die Deutsche nicht gern machen. Nur zum Trost: Das ging vor allem den jungen Menschen aus Ostdeutschland, die in den 1990er Jahren auf der Suche nach Arbeit in den Westen gingen, genauso. Erst jetzt, 27 Jahre nach der deutschen Einheit, treffe ich manche von ihnen in guten Positionen wieder. Sie haben sich ihre Anerkennung hart erarbeitet und kehren niemals wieder in den Osten zurück, sind aber wesentlich flexibler als ihre westdeutschen Mitbürger.

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Im Herbst 2013 nahm ich an einer Studienreise nach Stettin teil und erlebte eine Region, die sich selbstbewusst große Ziele gesteckt hat. Wenig später erfuhr ich, dass einige davon realisiert sind wie die Philharmonie, der neue Hafen und der Baltic Park in Swinemünde. Das Ergebnis ist, dass Mecklenburg-Vorpommern die Region Stettin möglicherweise als Konkurrenz sieht, denn beide buhlen um die wirtschaftsstarken Westdeutschen und Westeuropäer oder zumindest Berliner. Mir wurde bewusst, dass Mecklenburg-Vorpommern sowie Brandenburg und Sachsen diese Investoren ebenfalls gern hätten. Doch diese haben aufgrund der niedrigen Löhne und weiterer für sie positiver Faktoren Polen als Standort gewählt.

Wandern die Menschen aus den ostdeutschen Randgebieten nach Polen, wo sie zwar Arbeit hätten, aber weniger verdienen würden? In der Regel nicht, denn die Zielrichtung, ob Polen oder Ostdeutsche, ist heute in erster Linie der Westen. Auch ich, im Osten lebend, erwirtschafte den größten Teil meines Einkommens im Westen Deutschlands und genieße dort die entsprechende Anerkennung. Viele meiner kompetenten Partner stammen aus dem Osten oder besitzen als Westdeutsche keine Vorurteile. Auch empfinde ich die Menschen im Westen als demokratisch gefestigter und engagierter als im Osten. In den modernen Ballungsgebieten des Westes bilden sich attraktive und kulturelle Freizeitangebote heraus, die junge Menschen nicht mehr missen möchten. Natürlich gesellen sich dazu auch Osteuropäer und ich treffe neben Polen auch Rumänen, Ungarn, Litauer und Ukrainer.

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Etwa im Jahr 2006 fand ich Kontakt zu einer Gruppe der Deutsch-Polnischen Gesellschaft. Die Leiter dieser Gruppe stammen aus Polen und haben in Mecklenburg-Vorpommern Karriere gemacht. Monatelang nahm ich am regelmäßigen Stammtisch der Gruppe teil, doch es passierte nichts, wo ich meine Fähigkeiten einbringen konnte.

Keine Frage, jeden friedlichen polnisch-deutschen Kontakt bewerte ich positiv und halte einen kulturellen Austausch für sehr wichtig. Doch die Teilnehmer der deutsch-polnischen Begegnungen sind auf deutscher Seite überwiegend ältere Leute. Diese finden keinen Kontakt zu den jungen Polen, die für ihr Leben Pläne haben und voller Tatendrang sind.

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So stellt sich die Frage: Auf welcher Basis sollen die Beziehungen zwischen unseren Nachbarländern gefördert werden? Keinesfalls sollten die Kontakte eine nationalistische Prägung bekommen. Eine Kommunikation im Vokabular des rechtsgerichteten, konservativen Bevölkerungsanteils wäre fatal. Ich habe noch Schimpfworte im Ohr. Ich stelle mir Kooperationen auf den Gebieten der Bildung, Wissenschaft und Forschung vor, die, um einer Konzentration in Mittelwesteuropa vorzubeugen, auch die europäischen Randgebiete einbeziehen. Gerade dieses geschieht zwischen jungen und gleichberechtigten Menschen, die somit gemeinsam in eine europäische Zukunft hineinwachsen können. Die Kultur spielt dabei eine große Rolle. Eine Dynamik wird sich entwickeln, wenn von den Regierungen und der Europäischen Union entsprechende Programme aufgelegt werden. Doch die Initiative muss von den Bürgern ausgehen.

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Die Hansestädte zwischen Tallinn (Reval) und Köln, zwischen Edinburgh und Krakau vertraten im späten Mittelalter ihre eigenen Interessen und organisierten gegenseitigen Schutz. Natürlich gab es auch Streit und Konflikte, sogar Ausschlüsse aus dem Verbund. Die Blütezeiten sind den Städten bis heute anzusehen, in Danzig, in Lübeck, in Groningen und anderswo. Sie können ein Vorbild sein. Ich bin Mecklenburger, Europäer und Deutscher, aber weder Sachse noch Saarländer, eher ein Stück Pole.

In Danzig besuchte ich das Europäische Zentrum der Solidarność, ESC. Am Eingang las ich ein Schild: „Hier beginnt Europa”. Ich musste zunächst darüber nachdenken, denn die Gründung der heutigen Europäischen Union ging von Frankreich und Deutschland aus. Doch die polnischen Werftarbeiter in Gdansk, Gdynia und Szczecin, später die Menschen in allen Teilen Polens, leiteten die Epoche des freien und gemeinsamen europäischen Hauses ein und setzten die humanistischen Werte für fast alle Europäer durch. Für die meisten Bürger hier und heute sind sie selbstverständlich. Das muss allen Menschen, besonders den jungen, vermittelt werden und die fortschrittlichen Polen müssen es selbst tun, denn ein anderer Staat wird es nicht können. Im Westen leben sehr viele Menschen, die freiheitlich, demokratisch, humanistisch und europäisch gesinnt sind. Man muss sich nur treffen und miteinander austauschen. Nicht das Streiten, sondern das Verstehen macht stark.

Siegfried WITTENBURG (Januar 2018)

Geb. 1952, Fotografiker, Künstler, Textautor (u.a. für Spiegel-Online), Erzähler als DDR-Zeitzeuge, politische Bildung mit Ausstellungen, Vorträgen und Büchern, Autor und Herausgeber der Online-Zeitschrift „Neues aus Langen Brütz”, lebt als „Exil-Rostocker” in Langen Brütz bei Schwerin.

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