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Geschütze als Wegweiser

Geschütze als Wegweiser
Data publikacji: 2018-06-28 11:32
Ostatnia aktualizacja: 2018-06-28 11:44
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Am 8. Mai, dem Jahrestag des Kriegsendes, strahlte der rbb eine Reportage von Adrian Bartocha und Jan Wiese mit dem Titel „Grenzerfahrung”. Es ging um das unterschiedliche Verhältnis von Bewohnern der Grenzregion zur offenen Grenze – von Słubice und Frankfurt bis Świnoujście und Ahlbeck. Die Journalisten bauten Aussagen sowohl von Befürwortern als auch von Gegnern Polens im Schengenraum ein.

Gruselig waren die Szenen aus dem Saal im Gelben Schlösschen in meiner Heimatstadt Witnica, nur einen Steinwurf von der Grenzstadt Kostrzyn entfernt. Das Schlösschen ist ein Kulturhaus, das wir im Jahr 2000 in der ehemaligen Fabrikantenvilla eröffnet haben, saniert hauptsächlich mit Mitteln aus Deutschland. Mit „wir” meine ich polnische und deutsche Paten der Versöhnung, ehemalige und heutige Bewohner Witnicas, dem früheren Vietz. Viele von uns haben im Krieg Tragisches durchgemacht, wir haben den Hass kennengelernt und danach Jahre der Befreiung von diesem Hass durchgemacht, langwierig Vertrauen und persönliche Freundschaften aufgebaut. Wir haben Meilensteine in unserem Leben hinter uns gebracht. All das, damit neue Generationen nicht selbst die Erfahrung machen müssen, die wir in unserer Jugend machten. Im Laufe der Jahre wurde das Schlösschen bekannt als regionales Zentrum einer lebendigen und friedlichen Zusammenarbeit mit den Deutschen.

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Es hat mich schockiert als im Film 13- bis 16-jährige Jugendliche, auch Mädchen, in Militäruniformen gezeigt wurden, die nun in diesem Schlösschen lernen, wie man eine Handgranate baut und einsetzt, wie man ein Maschinengewehr bedient und wie man eine Gasmaske überzieht. Noch gruseliger waren die Bilder von draußen, als die Kinder in voller Kampfmontur über den Waldboden robben oder durch die Straßen marschieren und dabei singen: „Der Feind soll uns fürchten”. Der junge Mann, der die paramilitärische Jugendorganisation anführt, bezieht sich auf den Schützenverband „Strzelec”, der in Polen eine mehr als hundertjährige Tradition hat. „Polen sollte für die Polen sein, Deutschland für die Deutschen, Syrien für die Syrer”, sagte er. Er sagte auch, dass die Einheit vom Bürgermeister Witnicas Dariusz Jaworski gegründet wurde, und dass die Jugendlichen, die in die Reihen der Einheit eintreten, ihre Bereitschaft zur bewaffneten Verteidigung des Vaterlands erklären.

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Das Oberhaupt der Stadt die „Schützen” hat die „Schützen” ins Gelbe Schlösschen (ich sag es nochmal: einem Ort lebendiger, friedlicher, grenzübergreifender Zusammenarbeit mit den Deutschen) geholt, in Räume, die in unseren Projekten mit der vorherigen Stadtverwaltung als Ausstellungsräume für die Heimatstube geplant waren, die sich ebenfalls im Schlösschen befindet. Sie ist der Kern des Museums, gegründet von der Gesellschaft der Freunde Witnicas, mit Erinnerungen deutscher und polnischer Vietzer sowie mit Exponaten, die über Jahre von Bewohnern gesammelt wurden, von mir und meinen Schülern. Größere Objekte, die nicht in die Villa gepasst haben, haben wir im nahen „Park der Wegweiser und Meilensteine der Zivilisation” zusammengetragen. Wir haben dort Lernpfade angelegt, die zum Nachdenken über die Geschichte und Zukunft Witnicas anregen sollten – eine Grenzstadt, die über 700 Jahre in deutscher Hand war und seit Mai 1945 in unserer ist.

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In den 80er Jahren hatte Witnica zwei Wahrzeichen: die Brauerei und das Museum des Ruhms der Polnischen Armee. Bei allem Respekt für diese beiden Institutionen, die damaligen Entscheider in der Stadt suchten nach Symbolen, die für eine Zukunft unseres Landes im vereinten friedlichen Europa stehen. Zu diesem Symbol wurde der „Park der Wegweiser”, für den wir 1995 eine beträchtliche Geldsumme erhielten aus einer polenweiten Ausschreibung „Kleine Heimat – Vergangenheit für die Zukunft” der staatlichen Kulturstiftung und der Akademie der Kleinen Heimaten in Toruń.

Ich habe die Ehre der Hauptautor dieses Projekts zu sein, das entstand aus dem Nachdenken darüber, was die Lage Witnicas an der alten Ost-West-Trasse bedeutet, in deren Umgebung mehrere 200 Jahre alte Meilensteine und alte Gästehäuser für Reisende erhalten sind. Das Projekt hatte aber auch mit unseren persönlichen Lebenswegen zu tun, auch meinen.

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Im Park der Wegweiser neben dem Gelben Schlösschen ist der Weg das Symbol für den Transfer zivilisatorischer Errungenschaften und den Aufbau von Kulturbeziehungen, aber auch für die Verlagerung des Bösen, für Kriege, Besitzansprüche und eine Ideologie des Hasses. Wir haben Meilensteine gesammelt, verschiedenste Weg- und Grenzmarkierungen, Grenzpfahle, Stacheldrahtzäune und technische Denkmäler, die die „Freunde Witnicas” aus stillgelegten Fabriken gerettet haben. Die Exponate haben wir in drei räumliche Installationen eingebettet: die Kultur der Straße, zivilisatorische Meilensteine und Räume der Reflexion, ergänzt von einem Raum der Phantasie, in dem die Eigentümlichkeiten polnischer Ortsnamen und die Schrecken polnischer Straßen eine Rolle spielen. Um ein bißchen Wärme in die Anlage zu bringen, haben wir mit den Bewohnern einen Hügel für die polnische Comicfigur, die Ziege Koziołek Matołek angelegt. Der offene Park stellt die Geschichte der Stadt als Mosaikstein der europäischen Kulturgeschichte dar und verweist gleichzeitig auf die Spezifik unseres Grenzlandes – das Drama der erzwungenen Migrationen. Als wir ihn gründeten, wollten wir, dass das Gelbe Schlösschen dem Frieden dient, der uns so lange im Leben fehlte. Er wurde vielfach beschrieben und gezeigt in polnischen und deutschen Reportagen, Büchern, auch in einer holländischen Publikation. Das Marschallamt hat Hinweisschilder an der Landstraße finanziert mit der Inschrift: „Park der Wegweiser – Witnica”.

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Für die jetzt in Witnica Regierenden ist dieser Park jedoch kein Wahrzeichen der Stadt mehr. Stattdessen ist es die Kanone vor dem Hintergrund eines Wandbildes mit einem Landser, das zum Besuch des Ruhmesmuseums der Polnischen Armee, der Brauerei und des Dinosaurierparks ermuntern soll. Die Stadtverwaltung findet, dass die Heimatstube im Gelben Schlösschen und der Park der Wegweiser keinen Besuch wert sind – sie sind dem Vergessen preisgegeben. Als einer der Journalisten den Pressesprecher der Stadt fragte, warum das so ist, wehrte dieser ab: Der Park sei keine Attraktion, er liege außerhalb der Stadt und werde kaum besucht. Aber schließlich liegt er im Stadtzentrum, 200 Meter vom Rathaus entfernt, und eine viel befahrene Straße verläuft durch ihn hindurch. Kinder spielen dort, Jugendliche treffen sich und Familien gehen spazieren.

Den wirkllichen Grund für diese Veränderung konnte man, so scheint es, aus der Ansprache von Bürgermeister Dariusz Jaworski im Film „Grenzerfahrung” herauslesen. Er sagte nämlich, dass wir in der Gemeinde Witnica „unsere polnische Identität aufbauen”. Dieses Satz könnte man unterschreiben, denn wir – die Macher des Museums im Gelben Schlösschen und des Parks der Wegweiser – haben diese Identität auch geschaffen und wir arbeiten weiter dran, allerdings im europäischen Kontext. Der Anführer der jungen Schützen, deren Organisation vom Bürgermeister gegründet wurde, verkündet das Anti-Motto: „Polen den Polen”. Wenn man sich das so ansieht, wird deutlich, wie die Existenz verschiedener Formen lokaler Identitäten getilgt wird. Die Schilder des Marschallamts, die Gastfreundschaft und Offenheit symbolisieren, verwandeln sich in ein Geschütz, das in Richtung Grenze an der Oder gerichtet ist und in ein Lied 13- bis 16-jähriger Schützen: „Der Feind soll uns fürchten”.

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Welche Idee dominiert Witnica? Eine, die sich an friedlicher Zusammenarbeit in der Grenzregion orientiert oder an der Tradition der feindlichen Gegensätze und der Kriege? Auf diese Frage geben die gerade stattgefundenen „Tage der Stadt” eine Antwort. Die Hauptattraktion waren Panzer und gepanzerte Fahrzeuge, Kanonen und volkstümliche Holzfiguren bekannter polnischer Offiziere. Ich beobachte das, hoffe aber die ganze Zeit, dass ich nicht recht habe, wenn ich wie eine antike Kassandra die düstere Zukunft meines Städtchens heraufziehen sehe, das sich in die Karikatur einer Grenzfestung verwandelt. Kommen Sie also nach Witnica, das gleich hinter dem Grenzübergang Kostrzyn liegt. Und machen sie sich ihr eigenes Bild über den hiesigen Wandel.

(Link zum Film: http://mediathek.rbb-online.de/tv/Die-rbb-Reporter/Grenzerfahrung/rbb-Fernsehen/Video?bcastId=16269336&documentId=52154652).

Zbigniew CZARNUCH

* Der Autor ist Geschichtslehrer in Rente und lebt (mit Unterbrechungen) praktisch seit dem Kriegsende in Witnica. Er publizierte viele Arbeiten zur Geschichte der Stadt und Region, zu Fragen der Grenzregion und deutsch-polnischen Themen. Für den „Park der Wegweiser“ erhielt er den Aleksander-Patkowski-Preis des Museums in Sandomierz und den Georg-Dehio-Preis des Deutschen Kulturforums östliches Europa.

Aus dem Polnischen von Nancy WALDMANN

Zbigniew Czarnuch im „Park der Wegweiser”. Links: Original-Stück der Berliner Mauer, ein Geschenk der Stadt Berlin. Auf der grüne Tafel: „Über Straßen kam der Hass auf Repräsentanten eines anderen Volks, einer anderen Religion oder sozialen Klasse in diese Gegend, gehüllt in den Mantel der Liebe zum eigenen Volk, zur eigenen Religion oder sozialen Klasse. Hier im Grenzland drückte er sich im Kampf um die Grenzpfähle aus. Der Stärkere rückte sie auf Feindesland vor. Nach tausend Jahren Erfahrungen kamen wir zu dem Schluss, dass dieser Weg ins Nirgendwo führt.”

Foto: Bogdan TWARDOCHLEB

 

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