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Dedrutyzacja – oder das Ende des Zauns

Dedrutyzacja – oder das Ende des Zauns
Data publikacji: 2017-12-27 22:40
Ostatnia aktualizacja: 2017-12-28 10:35
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Als Polen am 21. Dezember 2007 dem Schengener Abkommen beitrat, fanden an der 460 km langen Nahtlinie beider Länder bunte Picknicks, Musik, Tanz, Sport und Spiele statt. Es gab polnische Grillwürstchen und deutsche Erbsensuppe, wärmenden Glühwein und immer wieder freundschaftlichen Umarmungen. Aber zwischen Swinemünde, Stettin und Pomellen-Kolbitzow hatte man sich mit Eisenscheren und Kombizangen bewaffnet.

Viele der grenzenlos ausgelassenen Feiernden hatten sich auf der Jagd nach einem ganz besonderen Andenken zusätzlich noch mit Eisenscheren und Kombizangen bewaffnet. Denn über 50 Kilometer dieses Teils der Grenze waren, weil die einzigen über Land verlaufenden, mit undurchlässigen Stacheldrahtverhauen abgeriegelt. Bevor die rostigen Metallhindernisse zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Pomorze Zachodnie weggeräumt wurden, schnitten sie sich kleine Teile aus den längst nicht mehr in die Zeit passenden und nun endlich überflüssigen dornigen Stahlsperren heraus. Polnische Medien fanden dafür den anschaulichen Begriff „dedrutyzacja”. Zu Deutsch „Entdrahtung” oder sprachlich schwerfälliger, aber noch zutreffender „Entstacheldrahtisierung”.

Würde ich nicht die spannende, dramatische und für viele Deutsche wie Polen durchaus auch tragische, damals 62-jährige Vergangenheit dieses Gebiets kennen, hätte der 21. Dezember 2007 für mich bestenfalls bedeutet, nun jederzeit ohne lästige Wartezeiten an irgendeiner beliebigen Stelle bequem über die Grenze des Nachbarlandes zum preiswerten Einkaufen und Tanken, vor allem aber zu guten Freunden, interessanten Begegnungen oder zur Realisierung gemeinsamer Projekte fahren zu können. Vor dem geschichtlichen Hintergrund dieses Teils der Oder-Neiße-Grenze jedoch gewinnt die von Polen vor zehn Jahren politisch ermöglichte Dedrutyzacja zweifellos eine historische Dimension. Sie eröffnete nämlich die aussichtsreiche Chance, dass Pommern – 1945 in das polnische Westpommern und das mecklenburgische Vorpommern geteilt – wieder zusammenwachsen könnte. Nicht im staatlich-administrativen Sinne. Wohl aber als grenzübergreifende wirtschaftsstarke, wissenschaftlich und kulturell attraktive, europäisch geprägte, weltoffene Region. Die, wenn man so will, technischen Voraussetzungen dazu wurden vor 10 Jahren mit dem überfälligen Wegfall der lästigen Grenzkontrollen und des unzeitgemäßen Stacheldrahts an der deutsch-polnischen Grenze geschaffen. Doch um die inhaltliche Verwirklichung ist es inzwischen nach den vielen euphorischen Reden, die am 21. Dezember 2007 gehalten wurden, merkwürdig still geworden. Einige meiner Stettiner Freunde sprechen sogar mit gemischten Gefühlen von einer Abkühlung der regionalen Kontakte zwischen Pomorze Zachodnie und Mecklenburg-Vorpommern. Das bescheidene Presse-, Hörfunk- und TV-Echo hüben wie drüben auf den Antrittsbesuch der neuen Schweriner Ministerpräsidentin Schwesig beim Marschall und dem stellvertretenden Wojewoden von Pomorze Zachodnie im November beispielsweise scheint solche Besorgnis zu bestätigen. Das Verhältnis zu Polen „als unserem direkten Nachbarn” sei von besonderer Bedeutung, sagte Frau Schwesig bei ihrer ersten Regierungserklärung im Juli dieses Jahres. Und vor der Abfahrt nach Stettin ließ sie durch ihre Pressestelle mitteilen: „Die regionale Partnerschaft mit Westpommern ist mir sehr wichtig. Es gibt viele Themen, bei denen wir die gute Zusammenarbeit noch intensivieren können”.

In diesen beiden und fünf weiteren, ähnlich trivialen Sätzen erschöpfte sich die lustlos wirkende mediale Vorbereitung ihrer Herbstvisite durch die Schweriner Staatskanzlei. Leider standen die zuständigen Ämter des westpommerschen Marschalls und des Wojewoden ihren Kolleginnen und Kollegen 270 Kilometer westwärts in nichts nach. Für die Medien gab es vor, während und nach Schwesigs Kurztrip zum „direkten Nachbarn” weder Hintergrundinformationen zur Zusammenarbeit Mecklenburg-Vorpommerns und Pomorze Zachodnies noch Pressekonferenzen, auf denen man hätte erfahren können, wie die „gute Zusammenarbeit” noch intensiviert werden könnte. Immerhin opferte der westpommersche Marschall Geblewicz freigiebig zwanzig Minuten der ohnehin knapp bemessenen Gesprächszeit am späten Nachmittag mit Frau Schwesig und lotste seinen hohen Besuch zur Unterzeichnung eines neuen Kooperationsvertrages zwischen der Pommerschen Bibliothek Stettin und der Schweriner Landesbibliothek in sein Amtszimmer im Stettiner Schloss. Tags darauf war in den dortigen Medien zu lesen, zu hören und zu sehen, wie die seit vielen Jahren befreundeten Büchereidirektoren Lucjan Bąbolewski und Dr. Frank Pille in würdigem Rahmen, flankiert von zwei interessiert zuschauenden regionalen Regierungschefs, ihr taufrisches Zusammenarbeitspapier signieren. Verdientermaßen wurde so pars pro toto die langjährige Arbeitsgemeinschaft beider Bibliotheken für einige Augenblicke aus der alltäglichen Normalität deutsch-polnischen regionalen Zusammenwirkens herausgehoben. Das ist gut so. Denn so etwas passiert in den letzten Jahren leider viel zu wenig. Die Dedrutyzacja vor zehn Jahren hatte neben den vielen unschätzbaren Vorteilen in gewisser Weise auch einen gravierenden „Nachteil”. Sie bewirkte, dass langjährige wie neue Initiativen, Kontakte, Begegnungen und Kooperationen über die Grenze hinweg als alltäglich, selbstverständlich und unspektakulär gelten. Worte werden darüber kaum noch verloren. Einerseits spricht das für die stabile Normalität der Beziehungen. Andererseits ist es jedoch auch schade. Gerade jetzt in Zeiten krisenhafter Entwicklungen und Tendenzen in der Europäischen Union wird die fruchtbare und erfolgreiche regionale grenzübergreifende Zusammenarbeit zu einer nicht zu unterschätzenden Garantie für die Stabilität des Bündnisses. Sie gewinnt damit Bedeutung über die Regionen hinaus. So abgekühlt wie sie manchmal nach außen erscheint, ist aber die Zusammenarbeit zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Pomorze Zachodnie nicht. Im Gegenteil. Deshalb sollten wir ähnlich wie in den 1990er Jahren hinter dem scheinbar Alltäglichen dieser Gemeinsamkeit wieder das Besondere und Anregende suchen und öffentlich darstellen. So wie es beispielsweise in dieser Zeitung geschieht. Zu den vielen Themenfeldern, bei denen, wie Frau Schwesig meinte, die gute Zusammenarbeit noch intensiviert werden könnte, gehört auch, dass die Schweriner Landesregierung und ihre polnischen Partner in ihrer PR-Arbeit dem grenzübergreifenden Teamwork mehr Aufmerksamkeit schenken als bislang. Getreu dem klassischen Prinzip, nicht nur Gutes tun, sondern auch darüber reden. Nötigenfalls auch bereits Gesagtes wiederholen.

Anders als die enthusiastisch gefeierte Dedrutyzacja am 21. Dezember 2007 ist ihr zehntes Jubiläum an der nördlichen Nahtstelle Deutschlands und Polens ohne viel öffentlichen Aufhebens verlaufen. Normalität eben.

Ich habe gerade an Tagen wie diesem einen ganz speziellen Wunsch. Es ist, wie ich meine, höchste Zeit, dass endlich die Geschichte der wechselvollen über 60-jährigen Nachbarschaft Mecklenburg-Vorpommerns und Pomorze Zachodnies geschrieben wird. Die Initiative für ein solches historisches Werk muss von der regionalen Politik ausgehen. Nur sie kann „par ordre du mufti” alle für so ein umfassendes Projekt notwendigen Mitstreiter an einen Tisch bringen. Der 21. Dezember 2027 als 20. Jahrestag der Dedrutyzacja wäre ein durchaus geeigneter Präsentationstermin. Er könnte aber gut und gerne auch ein paar Jahre früher liegen.

Bernd AISCHMANN

Photo. Dariusz GORAJSKI

Journalist, ehemaliger stellvertretender Sprecher der brandenburgischen Landesregierung, Mitglied der deutsch-polnischen Regierungskommission für grenznahe Zusammenarbeit (1991-1994), Autor der Bücher: „Mecklenburg-Vorpommern, die Stadt Stettin ausgenommen. Eine zeitgeschichtliche Betrachtung” (2008), „Der Nachbar aus Papier. Mecklenburg-Vorpommern / Pomorze Zachodnie – eine Nachbarschaft im Spiegel der regionalne Presse, 1945-1980” (2015).

Dedrutyzacja – oder das Ende des Zauns

Komentarze

henio
czy ktoś pomylił media
2017-12-28 10:23:04

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